Wie Obst- und Gemüsebauern die Corona-Zeit meistern

Niederrhein im Blick,

Niederrhein. Die Landwirtschaft ist in Sorge: Gibt es dieses Jahr genug Spargel für alle? Fehlen helfende Hände bei der Ernte? Wer soll all die vielen reifen Erdbeeren pflücken? Stehen ausreichend Saisonarbeitskräfte zur Verfügung? Füllen Studenten, Kurzarbeiter, Arbeitslose und viele andere Freiwillige eventuell entstehende Lücken? Fakt ist: Die Reisefreiheit in Europa wurde stark eingeschränkt, und für die Erntehelfer gelten besondere Regelungen. Auch der Verkauf in den Hofläden bringt derzeit außergewöhnliche Herausforderungen mit sich, die es zu meistern gilt. NiB hat sich umgehört, wie sich die Situation vor Ort auf den Höfen momentan gestaltet und ob der Umsatz zufriedenstellend ausfällt. Der Spargelhof Küthen in Kempen, Krefelder Weg 100, hat nur saisonal zur Spargelzeit geöffnet. Der Verkauf des „weißen Goldes“ läuft bereits und auch eigene Erdbeeren werden angeboten, außerdem alles, was zu einem leckeren Spargelessen gehört: neue Kartoffeln, Schinken, Soßen und gute Butter. Anne Küthen berichtet, dass das Geschäft zum Saisonbeginn sehr schnell und gut angelaufen sei. Tendenziell würden sogar etwas mehr Kunden am Hof einkaufen. Einige übernähmen den Einkauf für weitere Haushalte und viele würden telefonisch vorbestellen. So könnte alles zur Abholung gut vorbereitet werden. Küthen sagt: „Alle unsere Kunden tragen unaufgefordert eine Mund-Nasen-Bedeckung. Wer keine parat hat, wird von draußen an unserem ,Abhol-Schalter´, einem Fenster mit Plexiglas-Schutz, bedient. Unseren Hofladen können nur begrenzt Kunden gemeinsam betreten. Für Wartende haben wir draußen einen Unterstand aufgebaut. Es gibt Abstandsregeln zur Spargeltheke und eine Scheibe im Kassenbereich. Und: Man sollte seine eigene Tasche zum Einkauf mitbringen.“ Küthen beschäftigt derzeit 15 Saisonarbeitskräfte, vier mehr als sonst, die bereits vor Ostern anreisten. Manche bleiben bis Ende Mai, andere bis zum Saisonende, Ende Juni. Sie kommen aus Polen und werden bei Küthen in zwei Gruppen eingeteilt mit unterschied- lichen Arbeits- und Pausenzeiten. Sie ernten und sortieren den Spargel und die Erdbeeren und erledigen Pflegearbeiten in der Erdbeerkultur. In der Regel versorgen sie sich selbst, die Lebensmittel hierzu besorgt Küthen. Dieses Jahr gilt laut Verordnung die Hof-Quarantäne. Küthen berichtet: „Außerdem haben wir vier Kurzarbeiter beschäftigt… eine Weltreisende, die ihre Tour abbrechen musste, eine Studentin, die jedes Jahr bei uns arbeitet, und zwei Schüler. Nach Wochen der Ungewissheit, ob unsere Ernte- helfer kommen und ob wir die Ernte einfahren können, ist nun Routine eingekehrt.“ Zu den Herausforderungen, die der Spargelhof mit sich bringt, kommt noch die Familie, erzählt Küthen: „Wir haben drei kleine Kinder seit Wochen zu Hause. Unser Hof bietet ihnen aber viele Möglichkeiten der Beschäftigung.“ Britta Wichmann vom Obstgut Tackheide in Tönisvorst, Tack 12, berichtet, dass der Hofladen bereits seit dem 2. Mai wieder geöffnet hat und seit 28. April auch das kleine Erdbeer-Lädchen auf der Hochstraße in St. Tönis. Im Hofladen würden sich alle an die Vorgaben halten. Sämtliche Mitarbeiter*innen sind mit Mund- und Nasenschutz ausgestattet, auf den Böden findet man Abstandsaufkleber, am Eingang einen Desinfektionsspender und im Kassenbereich einen Spuckschutz. Im Hofladen dürfen auf 40 qm Verkaufsfläche vier Kunden gleichzeitig im Laden sein. Es gibt die eigenen Beerenfrüchte und unter anderem auch Kirschen aus der Huverheide. Wichmann berichtet: „Derzeit haben wir 15 Saisonkräfte aus Rumänien, Mitte Mai kommen nochmals 10 hinzu. Sie sind seit Ende April da und werden bis Mitte Juli/Anfang August bei uns bleiben. Sie pflanzen und ernten die Erdbeeren und erledigen Kulturarbeiten. Wir haben die Zimmerbelegung halbiert, und sie dürfen den Hof zurzeit nur zum Arbeiten verlassen. Die Einkäufe erledigen wir momentan. Es wird in kleineren Gruppen gearbeitet. Wir mussten/müssen außerdem in den ersten 14 Tage nach Einreise die Quarantäne gewährleisten und das Einhalten der Sicherheitsabstände garantieren.“ Normalerweise sind rund 40 Saisonkräfte auf dem Obstgut beschäftigt, doch Wichmann ist zuversichtlich: „Voraussichtlich können wir die Lücke mit Hausfrauen schließen. Im April hat uns außerdem ein Lehrer, derzeit im Referendariat, unterstützt. Die letzte Zeit war anstrengend und von Unsicherheiten geprägt, doch jetzt scheinen sich die Auflagen einigermaßen zu festigen. Wir hoffen, dass es so bleibt, und wir uns beim Arbeiten weiterhin an klaren Vorgaben orientieren können.“ Im Obsthof Unterweiden in Tönisvorst, Unterweiden140, läuft laut Inhaberin Anne Panzer das Geschäft gut. Neben der Stammkundschaft käme nun auch neue hinzu. Angestellte und Kundschaft tragen einen Mund-Nasen-Schutz. Im 300 qm großen Verkaufsraum des Hofladens besteht Einlassbeschränkung: Acht Personen dürfen sich gleichzeitig mit Einkaufskorb- oder Wagen dort aufhalten, der Raum ist nur von einer Seite aus zu betreten. An der Kasse gibt es einen Plexiglasschutz und Desinfektionsmittel im Eingangsbe- reich. Panzer sagt: „Anfangs wurden Hamsterkäufe getätigt. Derzeit wird einfach nur mehr als üblich eingekauft, da ja die Kantinen- und Gastronomieverpflegung fehlt. Bei uns gibt es Obst und Kartoffeln aus eigenem Anbau, zur Zeit Erdbeeren, Spargel und Gemüse aus der Region… außerdem Wurstwaren, frisches Geflügel, Milchprodukte, Käse, Eier, Backwaren, Säfte, Wein…“ Panzer beschäftigt 10 Saisonarbeitskräfte aus Deut-schland, Rumänien und Polen. Die ausländischen Kräfte sind nach der vorgeschriebenen Quarantäne jeweils zu zweit unterge- bracht. Küchen- und Bädernutzungszeiten wurden festgelegt. Mit Studenten konnten die Lücken gefüllt werden. Panzer empfindet die Krise als Herausforderung und meint: „Täglich müssen wir uns neuen Anforderungen stellen und Vorgaben erfüllen. Wir möchten unsere Kunden wie gewohnt bedienen, doch durch die anfänglichen Hamsterkäufe war das Kalkulieren der Mengen schwierig. Auch achten wir sehr auf unsere Mitarbeiter, denn die Arbeit ist in dieser Situation sehr anstrengend.“ Auch beim Benrader Obsthof nahe St. Tönis, Oberbenrader Straße 491 in Krefeld, ist man mit dem Umsatz zufrieden und meint, neue Kundschaft dazugewonnen zu haben. Michaela Boekels vermutet: „Sonst hat man am Wochenende schon mal ein Restaurant besucht, jetzt wird zuhause gekocht! Deshalb hat sich auch die Zahl unserer Einkäufer erhöht. Ich denke, viele probieren dabei auch mal was Neues aus. Unser aller Leben hat sich durch Corona einfach komplett verändert! Wir bieten unsere eigenen Erdbeeren an und Spargel vom Meyerhof. Unser Sortiment ist groß: Brot, Milchprodukte, Geflügel, eigenes Gemüse, Wein, Nudeln Konfitüren…“ Wer die Maske vergisst, kann im Obsthof eine käuflich erwerben. Abtrennungen am Boden weisen auf Wartebereiche hin. Maximal 12 Personen werden gleichzeitig in den 200 qm großen Laden gelassen, der Kassenbereich ist durch Folie geschützt. Zurzeit sind dort 60 rumänische Saisonarbeitskräfte und rund 15 Aushilfen aus Krefeld und Tönisvorst beschäftig. Da täglich neue Erdbeeren zu ernten sind, werden auch ständig neue Bewerber zur Probearbeit eingeladen, denn, so Boekels: „Das ist eine Aufgabe, die nicht zu unterschätzen ist und die der Übung bedarf. Wir hoffen, dass alles abgeerntet werden kann. Unsere Saisonkräfte arbeiten übrigens von Anfang Februar bis Ende November bei uns. Die Besetzung wechselt aber schon mal über die Monate hinweg. Mit 60 Personen ist unsere diesjährige Kapazität erschöpft, da wir die Auflage bekamen, in unseren Unterkünften nur 50 Prozent des Personals unterbringen zu dürfen. Über das Jahr verteilt haben wir normalerweise rund 290 Saisonar- beitskräfte.“ Zu tun gibt es viel: Anfang Februar werden die Tunnel auf den Erdbeerfeldern aufgesetzt und die Felder für die Ernte vorbereitet. Ab Ende April wird geerntet, gleichzeitig aber auch wieder neue Pflanzen gesetzt, damit man auch im Juli noch Erdbeeren von heimischen Felder erwerben kann. Anfang Juni beginnt dann die Himbeer-Ernte, Mitte Juni sind die Johannisbeeren reif und bis Ende November werden Himbeeren geerntet. Mit ihren persönlichen Worten spricht Boekels bestimmt vielen Betroffenen aus der Seele: „Die aktuelle Lage ist mit nichts vergleichbar. Wir Landwirte sind es zwar gewohnt, uns auf ständig wechselnde Herausforderungen einzustellen, Corona hat jedoch ein ungekanntes Ausmaß. Einerseits erleben wir gerade reale Existenzbedrohung, andererseits aber auch viel Unterstützung. Das macht dankbar und lässt hoffen, dass wir alle die Situation letztlich gestemmt bekommen.“ M Obsthöfe Kontakt zum Ordnungsamt Niederrhein. Wer Saisonarbeitskräfte beschäftigt, hat viele neue Pflichten und muss strenge Auflagen befolgen, Hygienemaßnahmen und Vorkehrungen zur Kontaktvermeidung treffen. Dies alles erfolgt in enger Abstimmung mit den zuständigen Ordnungsbehörden vor Ort. Ansprechpartner für die Hofinhaber in Tönisvorst ist Ralf Jeromin, Leiter der Ordnungsbehörde. Ansprechpartner in Kempen sind beim Ordnungsamt der Stadt Markus Wiegand und Jannik Kleinofen. 

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