Klare Regeln - und das Wegsehen beenden

Niederrhein im Blick,

Kempen. Während vor dem Landgericht Mönchengladbach der Prozess gegen Sandra M., die als Erzieherin mutmaßlich ein Kleinkind getötet und drei weitere lebensgefährlich verletzt hat, in die finale Phase geht, beweist die Stadt Kempen, dass sie aus den Vorfällen gelernt hat. Andrea Terschüren, Leiterin des Amtes für Kinder, Jugend und Familie, hat ein Kinderschutzkonzept vorgelegt, das sowohl vorbeugende wie auch eingrei- fende Vorgehensweisen im Umgang der Fachkräfte mit den rund 1153 Kindern sowie im Team untereinander aufgreift. Im Fall Greta im April letzten Jahres war die jetzt unter Mordverdacht stehende Erzieherin schon zuvor mehrfach aufgefallen. Auch in einer Kempener Kita soll es damals Zwischenfälle gegeben haben, die aber nicht gemeldet wurden. Zu diesem Zeitpunkt waren Rettungseinsätze als Vorgabe des LVR jedoch noch nicht im Meldesystem verankert. Ein Frühwarnsystem soll nun verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Amtsleiterin Andrea Terschüren erklärt das mehrschrittige Konzept: “Wir müssen einsetzen, weit bevor wir die Fachkräfte bei uns in den Kitas einstellen.” Das heißt, Kontakte zu den Berufsbildenden Schulen, intensive Betreuung der Praxisblöcke der Auszubildenden und eine Erweiterung des Lehrplans durch verstärkten Unterricht in beruflicher Ethik. “Wir müssen zudem erreichen, dass sich die späteren Bewerber*innen hinreichend mit ihrer persönlichen Biografie auseinandergesetzt haben“. “Fehlverhalten von Fachkräften hat multifaktorielle Ursachen, die sowohl im individuellen wie auch im strukturellen Bereich angesiedelt sind”, heißt es dazu im neuen Kinderschutzkonzept. “Belastungsfaktoren aus häuslichem wie auch beruflichem Umfeld, mangelnde Kenntnisse aus der Ausbildung, fehlende trägerinterne Schutzkonzepte oder situative Überforderungen kommen hinzu. Eine Förderung des Fehlverhaltens erfolgt vor allem dann, wenn dies durch Kolleg*innen, Leitung und Träger ignoriert, geleugnet oder verharmlost wird. Hier gilt es, das Wegsehen zu beenden und so einen Prozess der neuen Orientierung in Gang zu setzen”. Wer bei sich selbst oder bei Kolleg*innen problematisches Verhalten feststellt oder im beruflichen Alltag durch schwierige, herausfordernde Situationen besonderen Belastungen standhalten muss, braucht Möglichkeiten zur Reflektion. “Deshalb bieten wir als Träger zukünftig im Rahmen eines konstant installierten, externen Bera- tungsangebotes an, bei Bedarf jederzeit eine Supervision in Anspruch zu nehmen”, so Terschüren. Ein Ampelsystem beschreibt genau, welches Verhalten für die/der Erzieher*in pädagogisch angemessen ist, welche Verhaltensweisen korrigiert und besprochen und welche Handlungen sofort gemeldet werden müssen. Damit auch Eltern eine Ansprechperson haben, will die Stadt der Kinderschutzfachkraft eine besondere und erweiterte Position einräumen. Es sollen dann beispielsweise auch themenspezifische Seminare und Infoveranstaltungen angeboten werden. Der Jugendhilfeausschuss hat sein Okay zur Stundenaufstockung schon gegeben, federführend wird der Haupt- und Finanzausschuss entscheiden. Kempen hat Lehren gezogen aus dem Fall Greta, soviel steht fest. Doch wie kann das Frühwarnsystem über die städtischen Grenzen hinaus funktionieren? Sandra M. hatte vor den tragischen Ereignissen in Viersen in weiteren drei Kitas in Kempen, Krefeld und Tönisvorst gearbeitet, es gab Notfälle und Notarzteinsätze, doch keiner der Träger hatte das Landesjugendamt informiert, und so konnten die neuen Arbeitgeber nicht wissen, wen sie da einstellten. Andrea Terschüren sieht Handlungsbedarf: “Ja, genau dieses Problem müssen wir in der Regionalen Jugendamtsleiter*innen-Konferenz besprechen. Für die nächste Sitzung werden wir aus Kempen das Thema auf die Tagesordnung setzen”. 

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